Sunday, 31. january 2010 7 31 /01 /Jan. /2010 21:21

Brief Marianne an Ulrich Bach

 

Gevelsberg am 09.12.08

 

Lieber Ulrich!

 

Du hast mich vor ein paar Tagen gefragt, wann ich angefangen habe meinen Bericht zu schreiben und warum.

 

Ende 1985 ging es mit meinem Laufen immer schlechter. Ich hatte große Mühe meinen Arbeitsplatz zu erreichen und die Arbeit fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und ging zu einem Orthopäden nach Hagen. Dr. Kupsta untersuchte meine Hüften und war entsetzt in was für einen schlechten Zustand ich war. Er sagte zu mir: Es ist mir ein Rätsel, wie sie noch mit dieser Hüfte laufen können. Jede Bewegung bereitete mir große Schmerzen. Manchmal passierte es, beim Aufstehen, oder wenn ich mich im Bett drehen wollte, oder von der Toilette aufstand, daß mir die Hüfte aus der Pfanne sprang. Das war immer mit sehr großen Schmerzen verbunden. Dr. Kupsta wollte noch wissen warum mein rechtes Bein so schwach sei. Ich erzählte ihm das ich bis zu meinem 10 Lebensjahr eine Schiene trug und sie von einem Tag auf den andern abgenommen bekam und das war es dann auch. Er war entsetzt als er erfuhr, daß an diesem Bein nie eine Therapie durchgeführt wurde um es zu stärken. Sein Kommentar dazu war: Da hat man sich aber kräftig an ihnen versündigt. Ich habe ihn darauf geantwortet: Nicht nur da!

 

Mir blieb nichts anderes übrig mich mit 36 Jahren einer Operation zu unterziehen. Ich brauchte dringend eine neue Hüfte mit Erkeranbau. Dr. Kupsta machte mich darauf aufinerksam, daß das eine sehr schwere Operation sei. Mich überkam Panik als er mir vorschlug, die Operation in Volmarstein machen zu lassen. Ich konnte und wollte nicht dahin gehen, wo es Ärzte gab die mir in meiner Kindheit nur Angst eingejagt haben. Noch heute habe ich Schwierigkeiten einen Arzt aufzusuchen.

(Dr. Mxxxxx war nur ein Knochendoktor. Dem ist nie in den Sinn gekommen zu fragen, wie es in meiner verängstigten Kinderseele ausgesehen hat. Ich bekam immer Panik, wenn er und auch Dr. Kxxxxxxx zu uns Kinder ins JHH kamen. Beide führten sich auf wie die Herrgötter in Weiß. Ich bekomme noch heute ein mulmiges Gefühl, wenn mir Dr. Mxxxxxxx über den Weg läuft. Ich kenne kein Kind, daß sich gefreut hat, wenn die Beiden zu uns ins JHH kamen. Ich selber habe gesehen, wie Dr. Kxxxxxxx Klaus einen Stapel Schulhefte auf den Kopf geknallt hat, und das waren nicht die einzigen Entgleisungen).

 

Mit Hilfe von Dr. Kupsta haben wie dann ein gutes Krankenhaus in Dortmund gefunden. Ich bin immer noch der Meinung, daß sie ein Wunder vollbracht haben, auch wenn ich mit Schrauben und Drähte in meinem Körper herumlaufen muß.

 

Als mir bewußt wurde, daß ich eine schwere Operation vor mir hatte, versuchte ich mein Leben zu ordnen. Als erstes machte ich ein Testament. Viel gab es da nicht zu vererben. Ich wollte aber, daß meine Teddybären (einige sind wertvoll) an ein Kinderdorf gehen sollten. Von diesen Einrichtungen war ich immer fasziniert. Noch wichtiger war es aber für mich meine schlimmen Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Bis da hatte kaum ein Mensch von mir Notiz genommen. Die ESV wollte von meiner Geschichte schon gar nichts wissen. Sehr oft habe ich mit Frau Lotze und auch Pastor Lotze geredet. Frau Lotze hat mir zugehört und war wirklich entsetzt. Pastor Lotze sagte zu mir: Ja ich weiß, daß es so war, aber wir dürfen dem Ruf der Anstalten nicht schaden. Kaum einer nahm darauf Rücksicht, wie mir zu Mute war. Es haben viele gewußt. Dazu zähle ich auch Pastor Bxxxx und den Psychologen

Herrn Lxxxx. Keiner von denen ist auf die Idee gekommen die Leute zu verklagen, die dieses Unrecht begangen haben. Damals hätte man die Leute noch zur Rechenschaft ziehen können. Ich selber hatte keine Kraft und auch nicht die Möglichkeit. Ich hatte große Mühe meine eigene Existenz und Zukunft aufzubauen. Mit 36 Jahren hatte ich es fast geschafft, da machte mir mein kaputter Körper einen Strich durch die Rechnung. Da die Operationstermine dreimal verschoben wurden, daß war eine warnsinnige Belastung, hatte ich Zeit meine Geschichte zu schreiben. Ich wollte, daß die Nachwelt von meiner Kindheitsgeschichte erfährt. Ich wünschte mir so sehr, daß dieses Unrecht anerkannt wird.

 

Frau Hoffmann, ich war gerade 17 Jahre alt, war die Erste, der ich diese Geschichte erzählt habe. Sie sagte immer wieder, wenn wir darüber sprachen, „ich habe das Gefühl du bist im Mittelalter groß geworden. Danach wollte kein Mensch etwas davon wissen. Egal wie es mir dabei ging.

 

Dann wurde ich 1989 von Dir zur Silbernen Konfirmation eingeladen. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und die Einladung angenommen. Es waren doch einige von damals dabei. Nach langen Jahren traf ich Dich wieder. Nachmittags gab es Kaffee und Kuchen im Martineum. Die Runde war klein und überschaubar. Plötzlich fingen einige um mich herum aus der Kindheit im JHH zu erzählen an. Roswitha schubste mich an und sagte: Erzähl du auch einmal etwas, du hast ja schließlich am meisten unter diesen Schwestern gelitten. Ich sehe immer noch Dein erstauntes Gesicht vor mir, mit der Frage: Warum habe ich davon nichts gewußt? Wie die Geschichte weiter gegangen ist weißt Du ja. Bevor ich nach Gevelsberg zog, war ich froh, daß ich zwei Nachmittage zu Dir kommen konnte, um Dir mit schonungsloser Offenheit alles von damals zu erzählen. Mir hat es leid getan, Dir diese harte Kost vorzusetzen. Du warst der Erste der raufrichtig Anteilnahme zeigte. Ich sehe uns beide noch weinend da sitzen.

 

Mir hat es auch gut getan, daß Du bei Deiner Verabschiedung in den Ruhestand auf meine Geschichte aufmerksam gemacht hast. Deine Entschuldigung war ehrlich gemeint. Du hast zugegeben, daß Du damals im Konfirmationsunterricht nicht richtig zugehört hast, als ich all meinen Mut zusammennahm und erzählte, daß bei uns geprügelt wird. Das rechne ich Dir hoch an. Wer gibt schon gerne zu, daß er einen Fehler macht. Diesen Tag hättest Du viel freundlicher verbringen können. Danke, daß Du den Mut hattest.

 

Später, als ich mir einen Computer in Gevelsberg zulegte, fing ich an meine Geschichte richtig aufzuschreiben. Jede Seite war eine Qual. Als ich damit fertig war, laß ich die Geschichte noch einmal durch, dachte, daß arme Kind und legte sie für lange Zeit in die Schublade. Ich öffnete die Schublade erst wieder als Dein Anruf kam. Du teiltest mir mit, daß Peter Winserski ein Buch über die Mißstände in der Heimerziehung von 1945-1970 geschrieben hatte und in der UK ein Artikel darüber stand. Helmut schrieb daraufhin einen Leserbrief in der UK und Du hast mir ihn dann geschickt. Ich laß diesen Bericht zufällig in der Arztpraxis und es zog mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Mein Hausarzt riet mir dringendst, nach diesem Vorfall, eine Psychotherapie zu machen. Mit meiner Psychologin, Frau Deppe, habe ich großes Glück. Sie kam auch auf die Idee, einen Antrag auf Opferentschädigung zu stellen. Mir war es aber eher erst wichtiger, daß dieses erlittene Unrecht anerkannt wird. Heute wirft man uns vor, wir wollen Geld schinden. Geschieht da nicht wieder neues Unrecht?

 

Gestern rief mich Frau xxxxxx an. Sie erzählte mir, daß sie auf der Weihnachtsfeier in der ESV war. Viele sprachen über den letzten Zeitungsartikel. Dr. Mxxxx kam auch dazu. xxxx xxxxxxxx In einem Bericht, auf der Homepage, soll sogar gestanden haben, daß er ein Satan gewesen sei. Der Name war nicht ausgeschrieben, aber jeder würde doch merken, daß er damit gemeint sei. Die meisten Anwesenden hatten überhaupt nichts mit dem JHH zu tun, aber sie fühlten sich angegriffen, weil sie ja in dieser Einrichtung einmal

gearbeitet haben. Fast alle waren der Meinung, unsere Gruppe wolle sich nur bereichern.

 

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Soll ich mich jetzt schämen, daß ich eine Opferschutzrente bekomme? Mich macht das ganze nur noch traurig. Haben die Leute immer noch nicht begriffen, daß es uns hauptsächlich um die Anerkennung und eine vernünftige Entschuldigung geht? Kein Mensch von denen kommt auf die Idee zu fragen, wie geht es dir damit und was hat das für Folgen für dich? Ich frage mich, wie diese Menschen noch Weihnachten feiern können.

 

Ulrich, warum machen mir diese Leute ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine Entschädigung erhalte? Habe ich Schuld an dem was da im JHH geschehen ist?

 

Du hattest Dir diesen Brief als Weihnachtsgeschenk gewünscht. Leider ist er nicht sehr schön ausgefallen.

 

Ich wünsch Dir alles Gute, vor allem aber eine gute Gesundheit mit weniger Schmerzen. Grüße Deine Frau lieb von mir.

 

Liebe Grüße sendet Dir

 

Deine Marianne

von Helmut Jacob
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Thursday, 28. may 2009 4 28 /05 /Mai /2009 01:04

Schließlich fanden wir doch zum Hotel.

Bis kurz vor Luxemburg - kein Problem.

Dann aber - offenbar verpaßten wir eine Abfahrt. Nach etlichem Hin und Her fanden wir's doch. Netter Abend mit letzten Planungen für "morgen".

Am nächsten Tag dann das Treffen der Kranken-Seelsorger. Meine These: Krankenseelsorge beginnt bei Gesunden: Wer als Gesunder glaubt: Hast du was, bist du was, der muß sich wie ein "Mensch zweiter Wahl" vorkommen, wenn er die Gesundheit verlor.

Lange sprachen wir über: Ich habe, also bin ich, und über: Ich werde gehalten, also bin ich. Glaube kontra Leistungsideologie,

Kirche nicht als gesellschaftlicher Stabilisator,

sondern als humane Kritik, als Lobby der "kleinen Leute" Ein langer Tag, gute Gespräche, ehrliche Begegnungen.

Dann waren wir eingeladen zum Abendessen im Leitungsteam. Mehrere Gänge, fast nicht mehr diakonisch, trotzdem (oder deshalb) - es schmeckte vorzüglich.

Spät abends,

als meine Frau mir vom Rollstuhl ins Bett half: Was hast Du denn da?

Auf meinem Schoß lag die vornehme Stoff-Serviette aus dem Restaurant, fünf Stockwerke tiefer.

Ich hatte vergessen, sie wieder auf den Tisch zu legen. Geklaut hatte ich sie also nicht - ehrlich. Aber sie zurückgeben? - Kommt nicht in Frage! Rollstuhl kann auch gewisse Vorteile haben. Wer hat schon zu Hause

eine Hotel-Serviette, die er nicht klaute? Ich, ich habe eine!

So 'was hat so rasch kein zweiter. Und manchmal,

wenn meine Frau mir eine besondere Freude machen will, legt sie mir abends

meine luxuriöse Luxemburgische Serviette neben den Teller. Und tief innen

spüre ich in mir eine diebische Freude: Hast du was, bist du was!

 

von Helmut Jacob
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Sunday, 17. may 2009 7 17 /05 /Mai /2009 21:10

Gedenkstunde ohne Bild

 

Dafür, dass - wie sonst üblich zu Gedenkfeiern - ein Bild des Verstorbenen fehlte, entschuldigte sich Gemeindepfarrer Hans-Günter Rose gleich zu Beginn der Veranstaltung.

 

Nach dem Sonntagsgottesdienst am 17. Mai 2009 traf sich eine Runde in der Martinskirche, um des Toten zu gedenken. Zwischen Orgel- und Klavierstücken mit Gemeindegesang trugen Rose und Stiftungssprecher Jürgen Dittrich Texte aus Bachs Büchern vor. Im Anschluss daran fand sich ein kleiner Kreis zum Kaffeetrinken in der Kirche und tauschte Erlebnisse und Gedanken über Ulrich Bach aus. 

 

Eingeladen war auch die Witwe. Sie solle doch gleich ihren „Ökumenischen Chor Roll- und Ge(h)sang Wetter“ mitbringen, ihn dirigieren und damit die Gedenkstunde umrahmen. Erika Bach sagte die Teilnahme an diesem Termin ab.

 

Für Irritation sorgte auch ein an Erika Bach persönlich geschicktes Kondolenzschreiben des Gemeindepfarrers. Dieses fand sie  auf der Endseite des Gemeindegrußes (Ausgabe 2, April/Mai 2009) wieder. Ein Besucher: „Für mich war es eine reine Alibiveranstaltung und beschämend die Würdigung eines Mannes, der so viel für die Anstalten getan hat.“

 


Brieftext


Lieber Ulrich,

 

für Deine Familie und für Dich, denn ich glaube, Du schaust mir jetzt über die Schulter, am meisten aber vielleicht für mich selber, möchte ich ein paar Erinnerungen festhalten, gewissermaßen in einem Album blättern, manche Seiten schnell umschla­gen, auf anderen verweilen.

 

Da ist ein Vortrag in Wuppertal, meine Frau und ich gehen hin, ein Rollstuhl fahrender Pfarrer namens Bach ist angekündigt. Bewegt gehen wir nach Hause und denken: Ja, so könnte das Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten gelingen. Wir kaufen die Volmarsteiner Rasiertexte, wissen noch nichts von den Anstalten und unserer Zukunft.

 

Meine Vorstellung als Bewerber um die Pfarrstelle der Anstaltskirchengemeinde vor der Gemeindevertretung in Volmarstein, Du sitzt in dieser Runde, fragst nach, aufgeregt bin ich, Dir persönlich zu begegnen. Später lernen wir uns gegenseitig besser kennen, fechten Dinge gemeinsam aus, merken aber auch, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt.

 

Ich übernehme den Vorsitz in der Gemeindevertretung. Tagesordnungspunkt Protokoll, wir schmunzeln schon alle, denn Du wirst sicher etwas gefunden haben, was nicht ganz korrekt war.

 

Eine Gemeindefreizeit in Nachrodt-Wiblingwerde. So ausgelassen habe ich Dich noch nie erlebt. Spielst „Kriegen"mit dem Rollstuhl und einem anderen Rollstuhlfahrer.

 

Dein Platz im Chor, der damaligen Kurrende: Wie Du an dieser Stelle Dich einfügst, ganz zugewandt bist, und aufmerksam das Dirigat Deiner Frau verfolgst.

 

Und dann der Andachtskreis im Haus Bethesda. Erst kenne ich ihn nur vom Hörensagen von Dir, später übernehme ich ihn. Heute weiß ich, dass Du mir damit ein großes Geschenk gemacht hast. Wie viel Lebenserfahrung, wie viel schlicht formulierter, echter Glaube ist dort gegenwärtig! Du hast manche immer wieder zitiert. Prophetinnen und Propheten im Rollstuhl sozusagen.

 

Ich denke an Tagungen in Iserlohn, du hattest mich einfach mitgenommen, ich durfte dabei sein und mit spinnen über die Diakonie von morgen, an Deinen sechzigsten Geburtstag und dann, wie überhaupt in all dieserZeit, an manch nicht enden wollendes Telefonat.

 

Mit der Zeit sind wir uns auch wieder fremder geworden. Meine Sicht der Stiftung war im Wandel, Deine ebenfalls. Und trotzdem: die Fragen, die Du uns immer wieder gestellt hast und die Antworten, die Du uns vorgelegt hast, sind weiter wichtig, gerade weil sie vielerorts in der Ablage zu landen scheinen. Gut, dass das Gespräch mit Dir sich immer wieder einmal fortsetzen lässt, wenn ich eins Deiner Bücher aufschlage. Vielleicht hörst Du auch einfach mit zu, wenn ich zu unserem Gott bete, denn diese Brücke bleibt.

 

In Verbundenheit,

Dein Hans-Günter

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung Erika Bach

von Helmut Jacob
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Monday, 20. april 2009 1 20 /04 /Apr. /2009 00:08


















Liebes Mimerle!

Wir kennen uns noch gar nicht, aber ich muss Dir einfach sagen, daß ich mich ganz doll freue, daß es Dich gibt. Ganz besonders freue ich mich darüber, daß Ihr beide, Marianne und Du, Euch gefunden habt.

Lass mich kurz andeuten, warum ich mich so sehr freue. Marianne lernte ich kennen, als sie 12 Jahre alt war und eine unvorstellbar schlimme Zeit auf einer Kinderstation erlebte. Davon hatte ich damals allerdings keine Ahnung. Erst 25 Jahre später erzählte mir Marianne einiges; bei manchen Einzelheiten kamen mir beim Hören die Tränen. Ich fand es grausam, einem Kind das Spielen fast unmöglich zu machen. Diesen Eindruck hatten zu der Zeit, teilweise schon vorher, auch andere; ich denke an zwei Hausmütter, an denen sie fast erstmalig erlebte: Ich bin wichtig! Eine besondere Frage war damals: Muß sie, auch wenn sie schon 14 ist, nicht endlich das Spielen lernen?

Was Marianne Dir da an Einzelheiten im Laufe der Zeit erzählen wird, weiß ich nicht. Aber meine paar Sätze reichen wohl schon aus, verstehen zu können, warum ich mich so riesig über Dich freue. Ich wünsche Dir, dass es Dir jeden Tag neu gelingt, Marianne erleben zu lassen: Ich bin wichtig!

Denn das war ja die Absicht der Beiden aus unserem Freundeskreis, die Dich und Marianne zusammenbrachten. Sie hatten gemerkt, daß Marianne sich in die Puppe aus dem Katalog gründlich verliebt hatte; nur konnte Marianne es sich nicht leisten, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Anette und Helmut überlegten nicht lange, sondern beschlossen, zu Mariannes Geburtstag Euch zusammenzufügen.

Eine Sache möchte ich noch erzählen: Als meine Tochter Kornelia 4 oder 5 Jahre alt war, spielte sie mit ihrer Puppe (die war aber längst nicht so schön wie Du), was mich so beglückte, daß ich ihr sagte: „Weißt du eigentlich, dass du das schönste Püppchen auf der ganzen Welt hast?“ Kornelia sagte: „Guck mal Vater, wie sie sich darüber freut; sie strahlt ja richtig,“  Meinen Wunsch kann ich auch so ausdrücken: Ich wünsche Euch beiden, daß Ihr Euch immer wieder gegenseitig anstrahlt, wenn Ihr Euch seht.

Sehr liebe Grüße, auch an Marianne
Dein Ulrich Bach
6. März 2009


Ulrich Bach starb am 8. März 2009



im Gespräch mit Marianne
von Helmut Jacob
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Friday, 3. april 2009 5 03 /04 /Apr. /2009 22:53

Bischof Dr. Wolfgang Huber

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Statement

Pressekonferenz Woche für das Leben

Berlin, 30. März 2009

„Jeder Mensch gilt“ – das war das Lebensmotto von Pfarrer Dr. Ulrich Bach. Vor drei Wochen, am 8. März, verstarb der scharfsichtige Analytiker des tiefen Risses, der oftmals Menschen mit Behinderungen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließt, der Liebhaber der „bunten Gemeinde Gottes“, der Bibelinterpret, der die biblischen Texten gleichermaßen für Behinderte und Nichtbehinderte las. Der 1931 geborene Ulrich Bach hat zu dem Thema, das uns in diesem Jahr beschäftigen soll, Ungewöhnliches beigetragen. Das findet auch in dem Themenheft für die diesjährige Woche für das Leben seinen Niederschlag. Wenn man diese Texte liest, spürt man etwas von der überschießenden Hoffnung, die den christlichen Glauben prägt.

Ulrich Bach, der an den Folgen einer schweren Polio-Erkrankung litt und dadurch zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt war, nahm ernst, dass jeder Gottesdienst im Namen des dreieinigen Gottes beginnt. Die gottesdienstliche Wirklichkeit in einer diakonischen Einrichtung kommentierte er so: „Wir bilden zwar ein buntes Völkchen: Die einen müssen liegen, einige dürfen schon sitzen, andere sind so nicht behindert, dass sie andere Leute schieben. Das alles ist so. Das macht Schmerzen. Nichts davon wollen wir vertuschen. Und dennoch: Obwohl hier Behinderte und Nichtbehinderte beisammen sind – nicht als Behinderte und Nichtbehinderte sind wir beisammen, sondern als Gemeinde des dreieinigen Gottes. Fragt nicht in erster Linie, was ihr könnt oder nicht könnt. Hört, was Gott Euch sein lässt. ... Ihr gehört zusammen als die bunte Gemeinde Gottes“.

Die beiden Artikel, die Ulrich Bach für das diesjährige Themenheft der „Woche für das Leben“ zur Verfügung gestellt, sind zu seinem Vermächtnis geworden; deshalb liegt mir so viel daran, heute Ulrich Bachs Beiträge zu unserem Thema zu würdigen. An seinem theologischen Wirken beeindruckt mich besonders die Konsequenz, mit der er aus seinen Grenzerfahrungen heraus unser Bild vom Menschen konsequent in das Licht des Evangeliums, also in das Licht der göttlichen Gnade gerückt hat. Einer der Titel, an denen das schlagartig erkennbar wird, lautet: „Boden unter den Füßen hat keiner“.

Aber nicht nur das Menschenbild der Leistungsgesellschaft, sondern auch die gängigen Stereotypen des Gottesbildes gab Ulrich Bach zur Überprüfung frei. „Der Gottessohn braucht Hilfe“, schreibt er. „Dieser Satz wurde für mich zu einem Schlüssel für viele biblische Zusammenhänge. Wenn dieser Satz stimmt, dann ist Stärke kein absoluter Wert.“ Aus dieser theologischen Perspektive analysierte Ulrich Bach, wie es zu der Vernichtung von als „lebensunwert“ bezeichnetem Leben im Dritten Reich kommen konnte. Von dieser kritischen Analyse aus entwickelte er eine „Theologie nach Hadamar“. Die Landesheilanstalt Hadamar in Hessen war 1941 eines der Zentren der Tötungsaktionen im Rahmen des fälschlich so genannten „Euthanasie“-Programms. Bachs „Theologie nach Hadamar“ folgt nicht dem Grundsatz:  „Kannst du was, dann bist du was“ – sondern: „Jeder Mensch gilt“.

Drei Wochen nach seinem Tod möchte ich Ulrich Bachs Lebenszeugnis in Erinnerung rufen. Für ihn, der lange als unbequemer Kritiker galt, war es eine Freude, seine Texte in unserem Arbeitsheft abgedruckt zu wissen. Und nur allzu gern hätte er auch auf dem Eröffnungspodium mit diskutiert. Weil es dazu nicht mehr kam, lassen Sie mich hier und heute sagen: Wir verdanken ihm viel.

„Gemeinsam mit Grenzen leben“: dieser Leitgedanke der Woche für das Leben 2009 hat in Diakonie und Caritas schon in der zurückliegenden Zeit wichtige Veränderungen bewirkt. Wohngruppen und Lebensgemeinschaften wurden gebildet, in denen Behinderte nicht Objekte der Hilfe, sondern Subjekte ihres eigenen Lebens sein können. Aus einer Arbeit, die im Wesentlichen auf Fürsorge und Pflege ausgerichtet war, ist ein Dienst geworden, der andere auf dem Weg zu einem selbständigen Leben begleitet. Schuldhafte, ja verbrecherische Verirrungen der Vergangenheit, die unerträgliche Rede von „lebensunwertem Leben“, die Transporte behinderter Menschen in Vernichtungslager, die Vergötzung von Gesundheit und Leistung wurden und werden beim Namen genannt. Mahnmale und Gedenksteine wurden errichtet, die an die Opfer erinnern und vor jeder Art der Wiederholung warnen. Voller Scham bekennen wir, dass auch im helfenden Handeln der Kirche dem politischen Druck und einer kruden Kostenmentalität, die selbst das Leben berechnet, nicht immer der menschenmögliche, aber dann doch über die Kraft der Beteiligten hinausgehende Widerstand entgegengesetzt wurde.

Gerade deshalb müssen wir unser Bild von „Normalität“ verändern. Normal muss es sein, dass wir sagen: Jeder Mensch gilt.

Beim Christlichen Führungskräftekongress vor vier Wochen saß Rainer Schmidt, der bei den Paralympics als Tischtennisspieler Medaillen sammelte, auf einem Podium zum Thema „Inspiration“. „Im Schuhezubinden bin ich behindert“, sagte er zu dem Moderator des Abends, „aber im Tischtennisspielen vermutlich du“. Selbstbewusst und offen mit den eigenen Grenzen umzugehen, aber auch wahrzunehmen, welche Gaben jeder von uns hat – das ist der Schlüssel zu einem veränderten Leben.

Aber bei wem liegt dieser Schlüssel? „Die Frage, ob ich dazugehöre“, schreibt Ulrich Bach, „wird oft zuerst von der anderen Seite beantwortet. Wenn sich (andere) ... freiwillig zu mir bekennen, indem sie sagen: wir gehören zu dir, dann ... bekomme ich die Möglichkeit, zu erleben: tatsächlich, ich gehöre zu Euch.“

Von diesem Zuspruch leben nicht nur behinderte Menschen, sondern auch viele andere, die sich aus der Gesellschaft ausgegliedert fühlen – aus gesundheitlichen oder aus Altersgründen, aus sozialen oder aus finanziellen Gründen. Mangelnde Teilhabe gehört zu den großen Problemen unserer Gesellschaft; wir werden darauf zu achten haben, dass sich die Kluft im Zuge der jetzigen Wirtschafts- und Finanzkrise nicht vertieft. Gerade in einer solchen Krisenzeit ist besonders darauf zu achten, dass bei künftigen Sparmaßnahmen nicht die Mobilität und ärztliche Versorgung behinderter Menschen eingeschränkt wird, dass die Hilfen für Demenzkranke verbessert werden, Blinde auch weiterhin die nötige Unterstützung finden und sofort. Solche Fragen werden uns verstärkt beschäftigen, wenn wir im dreijährigen Zyklus der  „Woche für das Leben“ im nächsten Jahr die Entwicklung des Gesundheitssystems zum Schwerpunkt machen werden.

Zunächst aber gilt es, das „Du gehörst dazu“ für die verschiedensten Bereiche zu beherzigen und konkret werden zu lassen. Wichtige Schritte beginnen in Kindergärten, Schulen und Kirchengemeinden. Zu ihnen gehören Gottesdienste und Gruppenangebote, die im wahrsten Sinne des Wortes „niedrig-schwellig“ sind. Vom Kern des christlichen Glaubens, nämlich vom Blick auf den leidenden Christus aus, wollen wir zu einer Haltung beitragen, die sich von Einschränkungen nicht erschrecken lässt – wohl aber von Arroganz und Hochmut. Es ist Hochmut, wenn wir glauben, unser Leben nach den eigenen Wünschen gestalten zu können.

Es ist Arroganz, wenn wir übersehen, welche Anstrengungen diese Ideologie denen abverlangt, die ihre Grenzen sehr früh erfahren haben. Wenn wir begreifen, dass wir alle aus Gottes Gnade leben, dann verstehen wir auch, warum eine intellektuelle Leistung vor Gott nicht mehr zählt als das Lallen eines Kindes, eines Schwerstmehrfachbehinderten oder eines Sterbenden. Erst in einer solchen Demut können wir uns für die Lebensmöglichkeiten öffnen, die auch bei Menschen mit Behinderungen über ihre Grenzen hinausweisen – wie Zuwendung, Fröhlichkeit, Freundschaft. Das kann auch die Angst vor den eigenen Schwächen vertreiben, die uns so leicht hart und zur Teilnahme unfähig macht. Die Reifungschancen, die sich daraus ergeben, hat der Altersforscher Andreas Kruse sensibel, ja poetisch entfaltet. Grenzsituationen, so betont er, führen uns in die Mitte unserer Existenz.

Ich wollte Sie spüren lassen, mit welchen Hoffnungen ich die Veranstaltungen der Woche für das Leben 2009 begleite. Es geht um Lebensräume, die Menschen bis dahin nicht wahrnehmen konnten, um Gestaltungsspielräume dort, wo Menschen bisher nur Verluste sahen. Es ist zu wünschen, dass viele christliche Gemeinden neue Aufbrüche zum Zusammenleben und gemeinsamen Feiern wagen; sie werden damit auch stark in unsere Gesellschaft hineinwirken. Ich hoffe darauf, dass die Woche für das Leben 2009 in dieser Richtung an vielen Orten wichtige Impulse geben wird. Ich freue mich darauf, dass wir den Eröffnungsgottesdienst dieses Jahres in einer Lüneburger Kirche feiern, in der eine bunte Gemeinde Gottes zu Hause ist. Integrativer Konfirmandenunterricht und von Behinderten verantwortete Gottesdienste sind Beispiele dafür. Ich hoffe auf viele solche Beispiele während der Woche für das Leben 2009.

von Helmut Jacob
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
 
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum